Kulinarische
Geschichte(n)
Die Pyrmonter Küche
Zar Peter soll, als er in Pyrmont war, an dem neu erbauten Schlosse nur eines zu tadeln gefunden haben: Nämlich, dass die Küche zu groß sei.
Damit müssen wir leben. Damit leben wir sogar sehr gut.
Die Pyrmonter Küche ist norddeutsch ausgerichtet; Pinkel und Kohl, bei uns wie in Niedersachsen Brägenwurst und Grünkohl genannt, haben hier eine Heimat. Dagegen haben der lippische Pickert und der westfälische Pfefferpotthast den Sprung über die Grenze nicht nachhaltig geschafft. Flussfische aus der im Tal verlaufenden Emmer waren dagegen immer ein herausragender Bestandteil unserer Küche.
Tafelfreuden im Bade-Hotel
Über die Tafelfreuden im „Großen Bade-Hotel“, ein Haus ersten Ranges, schrieb im Jahre 1908 die Pyrmonter Zeitung: Hier ist ein „Rendez-vous-Platz der vornehmen Welt, hier wird bei exquisiten Gastmählern und Weinen der feinsten Marken das Fluidum der großen Welt gebannt und in die glänzende Wirklichkeit übersetzt. Wie das strahlt und leuchtet im Glanze des elektrischen Lichtes, wie es auf den festlich gedeckten Tafeln funkelt und einladet!
Lukullische Geheimnisse
Ein Blick auf die Speisenfolge der Tageskarte lässt allerlei lukullische Geheimnisse vermuten: Suppen à la Parmentier (mit Kartoffelklößen, Hahnnierchen und Hahnenkämmen), Seezungenschnitte à la normande (mit Trüffeln, Austern, Krebsen und Pilzen in Krebsbutter), Kalbsnuss auf italienische Art, englisches Roastbeef mit Salat und Kompott, Crème Karamel... und auf lautlosen Sohlen ein aufmerksames, geschultes Personal, jedes Winkes gewärtig.“
Ein strammer Dienst
Das bedeutete aber für dieses Personal, z.B. die Saal- bzw. Zimmerkellner, nach dem vorliegenden Arbeitsplan immerhin einen strammen Dienst von 5.30 bis 22.00 Uhr, Ausgang höchstens bis 23.45 Uhr und nur mit Erlaubnis der Direktion!
Das Pyrmonter Frühstück
Hier muss auch die bemerkenswerteste gastronomische Pyrmonter Einrichtung erwähnt werden: das große Pyrmonter Frühstück, wozu in der Hauptallee an langer Tafel im Schatten der Linden der größte Teil der besseren Gesellschaft sich gemeinsam niederließ - ausgenommen die Raucher, die dabei nicht geduldet wurden.
Muntere Zusammenkunft
Das Besondere daran war nun, dass einer aus der Gesellschaft alle Kurgäste zu Tisch bat und die ganze Zeche bezahlte.
Diese Zusammenkunft hatte etwas sehr Fröhliches, Belebendes, Munteres und Ungezwungenes. Man blieb dabei im Morgenanzug, so wie man schon zwei Stunden zuvor zur Quelle gegangen war, um zu Anfang der Kur seine drei Gläser Wasser zu trinken, deren Anzahl sich dann in den folgenden Tagen auf bis zu zwanzig Gläser steigerte.
Das Frühstück bestand allerdings meist nur aus Schokolade oder Kaffee, dabei gaben die Kurmusik mit heiteren Melodien und die Gespräche eine so angenehme Atmosphäre, dass Zeitgenossen davon sprachen, „man würde Mühe haben, eine gesellschaftliche Szene zu finden, die dem Auftritt in der Pyrmonter Allee an einem schönen Morgen gleich käme.“
Über das Essen teilt uns ein Kurbeobachter dann folgendes mit: „Bekanntlich findet man im nördlichen Deutschland selten so viele und gute Arten von Rheinweinen als im Pyrmonter Badehaus.“ Gespeist wurde entweder auf dem Zimmer oder an der gemischten Tischgesellschaft, der Table d'Hôte, an der es höchst interessant zugegangen sein muss.
Drei historische Kochbücher
Als Teil des ehemaligen Fürstentums Waldeck-Pyrmont finden sich unsere regionalen Rezepte in einem Waldeckschen Kochbuch, dass zur Kaiserzeit erschienen ist. Etwas später kam noch ein Pyrmonter Kochbuch für süße Speisen heraus und dann noch „Tante Mites Kochbuch für 6-8 Personen“ von 1925. Interessanterweise stößt man da auf einfache, inzwischen fast vergessene Rezepte, wie z.B. die Fliedersuppe; die Frühlingssuppe mit Spinat, Sauerampfer, Kerbel, Petersilienblätter und Estragon; die Schwarze Johannisbeersuppe, die Plinsen, Heringskoteletts in Bier mit aufgeblasenen Bratkartoffeln; gefüllte Ente in Gelee oder den Kartoffelpudding - ein Fundus an Schlemmer-Schätzen, die auf eine kreative Wiederbelebung warten.
- Titus Malms -

